Mottos 2014 - Gerhard Engel

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Mottos 2014

 

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2014
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Motto des Monats

Kommentar


Dezember


Fachleute versäumen ihre Pflicht, wenn sie einer Gesellschaft nicht helfen, sich über die Tragweite alternativer Entscheidungen Klarheit zu verschaffen.


                   Mancur Olson

Quelle:
Olson, Mancur: Umfassende Ökonomie.
Tübingen: Mohr (Siebeck) 1991, S. 185.

Kann die Wissenschaft uns sagen, wie wir leben sollen? Nein aus zwei Gründen. Der erste ist normenlogischer Natur: Aus beschreibenden Sätzen können wir keine Normen ableiten. Zweitens sind sich die Wissenschaftler gerade in praktisch relevanten Fragen häufig nicht einig. Warum hat die Wissenschaft dann dennoch für die Praxis eine so große Bedeutung?
Die Wissenschaft kann über die Folgen des Handelns aufklären. Das gilt für das individuelle Handeln (Ernährung, Gesundheit, soziales Verhalten, Umgang mit Technik) ebenso wie für das kollektive Handeln, für das Ökonomen zuständig sind. Auch hier hat die Einführung von Regeln bestimmte Folgen, die in einer „umfassenden Ökonomie" untersucht und inzwischen recht gut vorhergesagt werden können.
Doch wer bereit ist, diese Folgen in Kauf zu nehmen, braucht weder auf den Arzt noch auf den Ökonomen oder den Techniker zu hören. Und im Einzelfall fährt man manchmal sogar gut damit
eine Herausforderung für Fachleute, die dann herausfinden wollen, woran das lag. Und so kommt es, dass sie immer besser die Wahrscheinlichkeit bestimmter Folgen abschätzen können, die mit der Wahl von Regeln verbunden sind. Und das ist in einer unsicheren Welt ja von kaum zu überschätzender Bedeutung.

November


Die Wahrheit der humanistischen Lebensauffassung kann nicht absolut behauptet werden, will man nicht die Fehler der Religionen wiederholen.


               Werner Schultz

Quelle:
Schultz, Werner: Probleme des Humanismus.
In: Humanismus aktuell, Heft 3 (1998), S. 8-12, hier: S. 8.



Nicht nur monotheistische Schriftreligionen, sondern auch „Wissenschaftliche Weltanschauungen" laufen Gefahr, ihren Einflussbereich durch Druck und Propaganda zu erweitern. Ist der Humanismus eine solche „Wissenschaftliche Weltanschauung"? Wer diese Frage bejaht, befindet sich in einem Nullsummenspiel: Der eigene Einflussbereich geht auf Kosten anderer „Weltanschauungen", und dann wäre es am besten, wenn konkurrierende Weltanschauungen baldmöglichst verschwänden.
Diese besonders durch Friedrich Engels und Lenin verbreitete Sichtweise steht vor einem konzeptionellen und einem politischen Problem. Konzeptionell gesehen kann es gar keine „Wissenschaftliche Weltanschauung" geben, da Wissenschaft sich stets wandelt und es daher allenfalls ›Weltbilder als Momentaufnahmen‹ geben kann. Und politisch gesehen ist es weder einer modernen Gesellschaft noch einem ernst zu nehmenden Humanismus angemessen, das Ziel des eigenen Wirkens in der Beseitigung des Gegners zu sehen. Vielmehr kann ›Humanismus‹, wie Karl Popper mit Recht betont hat, auch bedeuten, die Vernunft zu gebrauchen, von der Sicht anderer Menschen zu lernen und eine Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil anzustreben. Dann wäre der Humanismus keine Weltanschauung, sondern eine Heuristik
und eine Einladung zu Positivsummenspielen in Theorie und Praxis.

Oktober



Mir scheint ... die wichtigste Frage aller Philosophie zu sein, wie weit die Dinge eine unabänderliche Artung und Gestalt haben: um dann, wenn diese Frage beantwortet ist, mit der rücksichtslosesten Tapferkeit auf die Verbesserung der als veränderlich erkannten Seite der Welt loszugehen.

            Friedrich Nietzsche

Quelle:
Nietzsche, Friedrich:
Unzeitgemäße Betrachtungen, IV. Stück: Richard Wagner in Bayreuth.
In: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe. Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. 2. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag / Berlin, New York: de Gruyter 1988, Band 1, S. 429-510, hier: S. 445.


Mit Nietzsche-Texten verhält es sich wohl wie mit denen Wittgensteins: Sie scheinen klar zu sein, erweisen sich bei näherer Betrachtung jedoch als vielschichtig und ambivalent.
Auf den ersten Blick erscheint alles einfach: Die Idee muss Tat werden dürfen. Untersuche also, was „veränderlich" ist, und gehe dann mit „Entschiedenheit und Unbeugsamkeit" ans weltverbessernde Werk.
Doch können wir uns bei dieser Untersuchung nicht auch fundamental irren? Und bestehen nicht auch völlig unterschiedliche Ansichten darüber, was „rücksichtslos" verändert werden sollte? Und mit welchen Mitteln?
Nietzsches spätere Äußerungen über Wagner zeigen bereits, wie schnell rückhaltlose Bewunderung in rücksichtslose Kritik umschlagen kann, wenn man sich über die Ziele uneinig wird oder die Absichten anderer nicht versteht
zum Beispiel die ökumenischen Ideen des Parsifal‹.

September


Das Leben des vergessenen, des unbekannten individuellen Menschen; seine Trauer und seine Freude, seine Leiden und sein Tod – sie sind der wirkliche Gehalt der menschlichen Erfahrung durch alle Zeiten.

                     Karl R. Popper

Quelle:
Popper, Karl R.: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (1945). Band II: Hegel, Marx und die Folgen.
Tübingen: Mohr Siebeck, 8. Auflage 2003, S. 319.


Lerne, mit den Augen eines anderen zu sehen! Dieser humanistischen Maxime gibt Popper hier unvergesslichen Ausdruck.
Zwar ist die Fähigkeit, „Fremdseelisches" erfahren zu können, durchaus keine philosophische Selbstverständlichkeit. Aber auch wenn wir wohl nicht spüren können, wie Fledermäuse ihre Umwelt erleben, so hat doch die Erforschung des »sozialen Gehirns« gezeigt, dass wir uns mindestens in überlebensdienlichem Maße in Gedanken und Gefühle unserer Mitmenschen hineinversetzen können.
Popper geht es hier allerdings nicht um Ansichten, Theorien oder Überzeugungen, die Menschen ja oft eher trennen, sondern um das, was sie eint, nämlich das Erleben der Konsequenzen, die aus dem Gelingen und Scheitern eigener Pläne folgen
vor allem aus dem Scheitern politischer Versuche, Frieden zu stiften.

August


Ein realistischer Blick auf den Menschen und die menschliche Natur bestätigt immer wieder diese Annahme: Alle geistig gesunden Menschen haben ‒ in einem mehr oder weniger großen Ausmaß ‒ altruistische Interessen.

                 Norbert Hoerster


Quelle:
Hoerster, Norbert: Ethik und Interesse.
Stuttgart: Reclam 2003, S. 176.


Gewiss, es gibt psychopathologische Ausnahmen oder auch Fälle eines übersteigerten Egoismus. Aber das Spektrum zwischen krankhafter Selbstliebe und bedingungsloser Aufopferung für die Interessen anderer ist normalverteilt. Wir können also in der Regel tatsächlich damit rechnen, dass andere Menschen durchaus am Schicksal anderer Menschen interessiert sind, ihnen in Maßen helfen wollen und Empathie haben.
Aber auch altruistische Interessen können durchaus rücksichtslos durchgesetzt werden; und die Begünstigung einer bestimmten Gruppe kann die Benachteiligung einer anderen Gruppe voraussetzen, mit sich bringen oder langfristig zur Folge haben.

Juli


Die Betrachtungsweisen von Evolutionsbiologie, Populationsgenetik, Biogeographie und Ökologie sind immer langfristig und deshalb wie von selbst für Zukunftsprobleme relevant.

              Gerhard Vollmer


Quelle:

Vollmer, Gerhard: Biophilosophie.
Stuttgart: Reclam 1995, S. 29.

Wer den Blick auf die Zukunft richtet, kann das auch auf wissenschaftliche Weise tun. Aber nicht nur die Physik ermöglicht Vorhersagen (Gezeiten, Mondfinsternisse), sondern auch die genannten Disziplinen.
Die für das Zusammenleben wichtigste Disziplin, die Demografie, ist hier nicht genannt. Manche demografischen Veränderungen lassen sich Jahrzehnte im voraus absehen; aber leider wirken sich heutige Umsteuerungen auch erst nach Jahrzehnten aus. Demografische Veränderungen sind aber am ehesten spürbar: Sie wirken sich etwa auf das Arbeitskräfteangebot, die Sozialversicherungen, die innere und äußere Sicherheit, den Immobilienmarkt oder auch die Innovationsfähigkeit aus.

Juni


Der kritische Rationalismus stellt unter heuristischem Gesichtspunkt die Autonomie wissenschaftlicher Einzeldisziplinen prinzipiell in Frage.

                   Hans Albert
Quelle:
Albert, Hans: Theorien in den Sozialwissenschaften.
In: Ders. (Hrsg.): Theorie und Realität. Ausgewählte Aufsätze zur Wissenschaftslehre der Sozialwissenschaften. Tübingen: Mohr (Siebeck) 1964. 2. Auflage 1972, S. 3-25, hier: S. 6.

Wissenschaftlicher Fortschritt entsteht oft dadurch, dass wir Methoden und Ergebnisse verschiedener Wissenschaften füreinander fruchtbar machen. Methodologisches Revierverhalten ist also kein Ideal. Daher sollten wir beispielsweise in der Soziologie ökonomische Erkenntnisse oder in der Geschichtswissenschaft sozialwissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigen ‒ und umgekehrt.
Zentraler Gesichtspunkt ist die Heuristik: Was führt zu neuen Erkenntnissen?

 
 
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