Mottos 2015 - Gerhard Engel

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Mottos 2015

 

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2015
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Motto des Monats

Kommentar


Dezember

Insgeheim liegt unserem Menschen- bild immer noch ein marxistisches Erklärungsmuster zugrunde: Wenn Menschen nur genug zu essen und zu tun haben, werden sie schon nicht aufeinander losgehen.


                           Nils Minkmar


Quelle:

Minkmar, Nils: Böse Absichten.
In: DER SPIEGEL 50 (2015), 5.12., S. 117.


Warum eröffnet jemand das Feuer auf seine Mitbürger oder wirft Brandsätze in Flüchtlingsheime? Für Minkmar ist das „nach so vielen Jahren in Frieden und Wohlstand, so guter humanistischer Erziehung und all den Astrid-Lindgren-Büchern kaum möglich, schlüssig zu erklären oder gar nachzuvollziehen". Aber wie könnte man es erklären oder nachvollziehen? Vielleicht so:
1. Menschen haben nicht nur interne Präferenzen, also beispielsweise den Wunsch, „genug zu essen und zu tun" zu haben, sondern fast alle haben auch externe Präferenzen: Sie möchten, dass andere Menschen bestimmte interne Präferenzen haben. In der Regel versuchen sie, das mit Hilfe von Überzeugung oder wenigstens Überredung zu erreichen. Aber wenn das misslingt, bringen nicht alle genug Anstand, Demut und Fairness auf, den Willen der Anderen zu respektieren, sondern bedienen sich (immer) drastischerer Mittel.
2. Viele Menschen haben aber nicht nur externe Präferenzen, sondern sie möchten auch sichergestellt sehen, dass der gesellschaftliche Regelmechanismus immer wieder Menschen mit den gewünschten internen Präferenzen hervorbringt. Sie werden daher versuchen, durch entsprechende Regeländerungen geistige Offenheit, weltanschauliche Pluralität und menschliche Handlungsmöglichkeiten zu beschränken. Auch dabei können immer drastischere Mittel zum Einsatz kommen. Und die Überzeugung, auf diese Weise ›die Welt verbessern‹ zu können, mag hier die letzten Skrupel beseitigen.
3. Und schließlich darf man die gewöhnliche Kriminalität nicht vergessen: Etwa 5% einer Population versuchen, Güter, Dienstleistungen und Regeländerungen auf illegalem Wege zu erlangen bzw. durchzusetzen. Waffen und Gewalt sind in ihren Augen dann überzeugender als alle Argumente und Diplomatie. Für eine solche Strategie bieten sich im globalisierten Internet-Dorf immer wieder phantastische Möglichkeiten
vor allem auf Grund defizienter Politik.
Letztlich geht es, wie Thomas Hobbes vor nunmehr bald 400 Jahren erkannte, um Ressourcen und um Macht ‒ nach Max Weber also um die Fähigkeit, anderen auch gegen deren Widerstand den eigenen Willen aufzuzwingen. Und die Soziobiologie kann zeigen, warum das so ist.

November


Die menschliche Erkenntnis ist wohl das größte Wunder unseres Universums.

                         Karl R. Popper


Quelle:

Popper, Karl R.: Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf.
Hamburg: Hoffmann und Campe 1973. 4., verbesserte Auflage 1984, S. IX.



Zunächst mag es verwundern, wenn der Agnostiker Popper sich hier einer religiösen Kategorie bedient, um die Stellung menschlicher Erkenntnis im Universum zu bestimmen. Hat er selbst für die Aufklärung dieses „Wunders" nicht sehr viel getan – vielleicht mehr als jeder andere Philosoph des 20. Jahrhunderts?
Wir können uns einer Antwort nähern, wenn wir ein anderes Beispiel betrachten. Eric Jones hat in seinem Buch „Das Wunder Europa" zu erklären versucht, wie es möglich war, dass in einer Welt von Machtstreben und Zerstörung, wie sie Jahrtausende lang dominierte, das Europa entstehen konnte, das wir heute bewundern und zu bewahren versuchen: das Europa der rechtsstaatlichen Machtkontrolle, des wissenschaftlichen und künstlerischen Fortschritts, der weltanschaulichen Toleranz und des Ausbaus individueller Entscheidungsmöglichkeiten. Nichts davon war und ist selbstverständlich. Wie konnte es dennoch geschehen?
Auch die Tatsache menschlicher Erkenntnis stellt uns vor zahlreiche analoge Rätsel, von denen hier nur eines erwähnt sei: Wir können mit ihrer Hilfe etwas tun, das wir, biologisch ausgedrückt, das ständige Überschreiten von Artgrenzen nennen können. Im wahrsten Sinne des Wortes ›sichtbar‹ wird dieser Umstand in militärischen Konflikten. Mit Hilfe der Wissenschaft und der sie begleitenden Technik können wir uns Fähigkeiten aneignen, die uns gegenüber weniger technisierten Gegnern in Vorteil bringen: im Dunkeln sehen, hinter den Horizont sehen, um die Ecke schießen, fliegen, in 5.000 km Entfernung schießen, weltweit in Echtzeit kommunizieren und vieles andere mehr. Sie dürften das Gefühl haben, von einer anderen Art angegriffen zu werden, gegen die man kein Mittel hat. Und das größte Rätsel ist vielleicht, wie es gewöhnlichen
Organismen möglich ist, Kernkräfte zu entfesseln und vielleicht sogar eines Tages das Sonnenfeuer auf Erden zu entfachen. Wie ist das möglich?
Es ist die in Poppers Äußerung deutlich werdende Einstellung gegenüber der menschlichen Erkenntnis, die Respekt abnötigt. Sie zeigt nämlich ein selten gewordenes Gefühl dafür, dass der Mensch, allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz, doch eine noch kaum aufgeklärte Sonderstellung im Universum besitzt.

Oktober

Es gibt einen ethischen Minimal- konsens in unserer Zivilisation, dass Schulden zurückbezahlt werden, von wem auch immer. Das ist eine moralische Verpflichtung.

                           Tomáš Sedláček



Quelle:

Sedláček, Tomáš: „Papa ist impotent". Der tschechische Ökonom Tomáš Sedláček über den Fetisch Wachstumskapitalismus, das Versagen der Eliten in der Krise und den Segen der Austeritätspolitik.
In: DER SPIEGEL 40 (2015), 26.9., S. 74-77, hier: S. 76.


Sedláček gehört zu den vom breiten Publikum viel gelesenen Autoren. Das mahnt zur Vorsicht: Gerade in ökonomischen Zusammenhängen ist das, was sich gut verkauft, fast immer auch schlecht durchdacht. Doch das bedeutet nicht, dass breitenwirksame Schriften nicht auch sehr Bedenkenswertes enthalten können, das auch aus strengerer akademischer Perspektive interessant ist. Dies ist hier der Fall.
Sedláček geht es um ›Schulden‹ ‒ moralisch gesehen also um ein (Zahlungs-)Versprechen, das man nicht einfach ohne gravierende Folgen brechen kann. Es kann beispielsweise sein, dass man im Vertrauen auf eingehende Rückzahlungen bereits Käufe bei jemandem getätigt hat, der seinerseits im Vertrauen auf eingehende Zahlungen bereits Käufe bei jemandem getätigt hat, der seinerseits ...
Wir sehen: Wenn man sich dazu verpflichtet fühlt, (Zahlungs-) Versprechen einzuhalten, trägt man zur Bewahrung einer gesellschaftlichen Vertrauensbasis bei, die vor allem ökonomisch bedeutsam ist, weil sie das reibungslose Funktionieren gesellschaftlicher Austauschbeziehungen fördert. Aber ›Schulden‹ können auch nicht-monetärer Art sein: Man kann jemandem beispielsweise ›eine Erklärung schulden‹. Wer diese Art von ›Schulden‹ begleicht, trägt zum psychischen Wohlbefinden des Anderen bei.
Versprechen einzuhalten ist für die menschliche Praxis also alles andere als belanglos: Vertrauen macht das Leben leichter. Und es ist nicht gerade hilfreich, wenn Politiker durch ihr Reden und Handeln diese Vertrauensbasis erodieren lassen. In diesem Umfeld ist es umso wichtiger, dass
Sedláček hier an eine Grundregel zivilisierten Zusammenlebens erinnert.


September

Es gibt nur eine Wissenschaft, und die hat keinen eingebauten Standpunkt.

                        Robert Shapiro


Quelle:
Shapiro, Robert: Schöpfung und Zufall.
München: Bertelsmann 1987, S. 273.


Die Theorie von der Einheit von Wissenschaft und Praxis gehört zu den problematischsten Hinterlassenschaften des marxistisch-leninistischen Denkens. Sie lässt sich kurz so ausdrücken: Marx hatte das „Bewegungsgesetz der Geschichte" entdeckt, und Lenin brachte es in vorauseilendem Geschichtsgehorsam zur praktischen Anwendung. Zwischen 1947 und 1989 erschienen daher Legionen von Büchern mit dem verheißungsvollen Titel „Wissenschaftliche Weltanschauung"; aus ihr sollten sich dann alle Antworten auf praktisch bedeutsame Fragen „objektiv" ableiten lassen.
Nach 1989 haben wir nicht nur fast alle wieder gelernt, dass es keinen einfachen Weg von der Theorie zur Entscheidung und von der Tatsache zum Wert gibt
was man bei etwas ruhigerer Besinnung schon bei David Hume und Max Weber hätte lernen können. Die Sache ist noch schlimmer: Die Wissenschaft selbst liefert auf diesem Weg gar keinen festen Ausgangspunkt, denn sie selbst ist in stetigem Wandel begriffen. Sie ist nämlich bereits methodisch darauf angelegt, das, was man immer schon zu wissen glaubte, durch genauere Beobachtungen und Befunde zu hinterfragen und durch bessere Theorien und Interpretationen zu ersetzen.
Mehr noch: Wenn es nur „eine" Wissenschaft gibt, dann sind wir dazu angehalten, uns auch methodisch bei anderen Disziplinen umzusehen, ob sich aus ihnen etwas für dieses kritische Geschäft lernen lässt. Dabei sollte es keine Tabus geben. Denn Leben ist Lernen ‒ und das kann bedeuten, dass man an Stellen auf Interessantes stößt, wo man es nie vermutet hätte.
Kurz: Es gibt keine „wissenschaftliche Weltanschauung", wohl aber eine „wissenschaftliche Einstellung", die verlangt, eingefahrene Standpunkte zu prüfen und gegebenenfalls zu verändern sowie unvoreingenommen die uns interessierenden Dinge und Prozesse zu untersuchen.

August

Wir müssen noch einmal ganz von vorn anfangen, uns zu fragen, was läuft.

                        Umberto Eco






Quelle:
Eco, Umberto: Über Gott und die Welt.
Essays und Glossen.
München: Hanser 1985. 3. Auflage, S. 162.


Was bedeutet es, »kritisch« zu sein? Ecos Antwort: Es genügt nicht, sich dabei auf die Entdeckung von Widersprüchen zu beschränken. Denn so verlässt man nicht die Denkvoraussetzungen, die zu Widersprüchen geführt haben. Wichtiger und interessanter ist es, für sprachliche Äußerungen jeglicher Art alternative Interpretationen zu liefern. Vielleicht besagen die Zeichen, die wir bisher immer in einem bestimmten Sinne interpretiert haben, ja etwas ganz anderes, als wir bisher angenommen haben? Jeder Historiker, Geheimdienst-Analytiker oder Kriminalist weiß, dass angebliche Fakten auch etwas ganz anderes bedeuten können als man bisher unterstellt hat.
Eco empfiehlt eine solche skeptische Einstellung vor allem für die Analyse massenmedial transportierter Äußerungen. In der Tat: Was man aus den zahlreichen
Meldungen, die auf einen einströmen, wirklich verlässlich entnehmen kann, ist weitaus weniger, als wir meinen. Massenmedien potenzieren das Meinen, erweitern aber nur selten das Wissen.
Aber auch in der Wissenschaft droht das Gefühl dafür verlorenzugehen, dass die Interpretationen von Beobachtungsdaten und Texten sich im Lichte von Alternativen als unangemessen herausstellen können. Mehr noch: Wir lernen von einer Sichtweise um so mehr, je weiter sie sich von eingefahrenen Interpretationsgewohnheiten löst und Daten und Texte in einem neuen Licht erscheinen lässt. Aber warum sollte man sie überhaupt entwickeln, wenn doch die Umstehenden einem beipflichten und das Gehalt auch ohne Neuentwürfe kommt? Daher ist es meist nur die von Kant beklagte Bequemlichkeit, dass wir uns mit dem zufrieden geben, was wir sehen, hören und immer schon meinen.


Juli

Der wohlgerathene Mensch freut sich an der Thatsache „Mensch" und am Wege des Menschen: aber – er geht
w e i t e r !

                        Friedrich Nietzsche


Quelle:
Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. 2. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag und Berlin, New York: de Gruyter 1988, Band 11, Nachgelassene Fragmente 1884-1885, S. 465.


„Übermensch" ist ein experimenteller Begriff, der Nietzsche dazu diente, vielfältigste Überlegungen zu bündeln. Dazu gehört erstens das Gefühl, dass die Gattung ›Mensch‹ noch nicht das ist, was sie sein kann; daher müsse es dem Philosophen darauf ankommen, rücksichtslos die mentalen Hindernisse zu bekämpfen, die einer Weiterentwicklung des Menschen im Wege stehen.
Dazu gehört zweitens die Bereitschaft, im Interesse der Idee des Menschen auch gegen die Schwachen und gegen eine unbegrenzte Mitleidsmoral zu entscheiden. Ehe man sich gegen einen solchen Gedanken empört, sollte man sich in Erinnerung rufen, dass heutzutage weder die individuellen noch die kollektiven Akteure den überwiegenden Teil ihrer Ressourcen tatsächlich für die sozial Schwachen aufwenden. Kunst, Wissenschaft, Forschung, Unterhaltung, Mode, Tourismus, Technik, Internet ‒ all das, was moderne Gesellschaften lebenswert und produktiv macht, bindet finanzielle Mittel, die auch zur Überwindung von Armut und Krankheit aufgewendet werden könnten. Stattdessen werden sie zur Entfaltung des kreativen Potenzials der Menschheit ausgegeben. Für Nietzsche gilt (und hier liegt sowohl seine moralische Innovation als auch seine moralische Provokation): Und das ist auch gut so.
Drittens schließlich zeigt das Zitat, dass der „Übermensch" keine „Bestie" ist, sondern als ein Wesen gedacht werden kann, das dem Menschen und dem von ihm bisher Erreichten zwar durchaus mit Respekt und Anerkennung begegnet, aber das ›Darüber hinaus‹ zur moralischen Richtschnur macht.

Juni

Wir Philosophen, die Menschen überhaupt, haben systematisch missverstanden, welcher Spezies wir angehören.

                       Elijah Millgram


Quelle:
Praktische Rationalität und Arbeitsteilung. Svantje Guinebert im Gespräch mit Elijah Millgram.
In: Information Philosophie 42 (2014), Heft 1, S. 20-29, hier: S. 23.


Die Evolutionäre Anthropologie hat gezeigt, dass Tiere (etwa Raben oder Menschenaffen) zu erstaunlichen Intelligenzleistungen fähig sind. Erfährt man dann noch, dass Menschen und Menschenaffen bis zu ›99% ihrer Gene gemeinsam haben‹, liegt eines der anti-humanistischen Mantras allzu nahe: dass wir ›eigentlich Affen‹ seien.

Doch schon Darwin war anderer Auffassung: Für ihn war gerade die Tatsache erklärungsbedürftig, dass sich der Mensch in immer mehr Teilen der Welt von seinen affenähnlichen Wurzeln weit entfernen konnte ‒ und damit den Graben zwischen Tier und Mensch wieder verbreitert hat.
Was Tiere und Menschen grundlegend voneinander unterscheidet, wird deutlich, wenn wir fragen, was sie denn aus ihrer ›Intelligenz‹ gemacht haben. Trotz aller gefeierten Leistungen der Menschenaffen tritt man ihnen wohl kaum zu nahe, wenn man feststellt, dass sie ihre Kokosnüsse immer noch auf die gleiche Weise wie vor 12.000 Jahren aufschlagen. Doch nahezu nichts, was der moderne Mensch tut, ist identisch mit dem, was seine Vorfahren damals taten. Denn Menschen können sich zum einen in einer geradezu Ehrfurcht gebietenden Weise spezialisieren: Moderne Gesellschaften sind das Ergebnis einer tiefgreifenden intellektuellen und praktischen Arbeitsteilung. Und zum anderen unterliegen seine Spezialisierungen einem außerordentlich schnellen Wandel. Das bedeutet: Wir sind nicht einfach nur eine Tierart unter anderen. Nach Millgram sind wir vielmehr „serielle Hyperspezialisten". Und eine Evolutionäre Anthropologie, die ihre Bezeichnung verdient, würde die Affenkäfige verlassen und deutlich machen, wie und warum der Mensch das werden konnte, was er jetzt ist.

Mai


Man denkt, dass die Ethnie etwas ist, das mit dem Fortschreiten der Modernisierung immer unwichtiger werden wird. Das ist ein beruhigender Gedanke, aber wie so oft bedeutet beruhigend zu sein nicht zugleich, wahr zu sein.


                          Paul Collier

Quelle:
Collier, Paul: Gefährliche Wahl. Wie Demokratisierung in den ärmsten Ländern der Erde gelingen kann.
München: Siedler 2009, S. 188.
[Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2010.]


Staaten unterliegen gegenläufigen Kräften. Die Staatenbildung wird durch die Vorteile begünstigt, die kollektive Güter wie Vertragssicherheit, Umweltstandards oder äußere und innere Sicherheit den Bürgern bieten. Unter diesem Gesichtspunkt ist sogar zu erwarten, dass Staatenbünde (wie die EU) entstehen, die den Kreis der durch die kollektiven Güter Begünstigten ausweiten. Die Staatenerosion dagegen wird durch die Uneinigkeit darüber begünstigt, welche und wie viele kollektiven Güter man beschaffen soll; oder durch wachsende ökonomische Ungleichheit der Länder und Regionen; oder auch durch eine diskriminierende Innenpolitik. All das fördert in den Ethnien das Bewusstsein für kulturelle und religiöse Unterschiede, die in Unabhängigkeitsbestrebungen münden können.
Diese erosiven Kräfte verstärken sich, wenn Kolonialreiche (wie in Afrika und im Nahen Osten) oder Blockstaaten (wie in Osteuropa) zerfallen. Die entstehenden Kleinstaaten suchen ihre staatliche („nationale") Identität dann vor allem ethnisch zu definieren. „Nationale Alleingänge" fallen in dem Maße leichter, wie ein kleines Land seinen Platz in einer arbeitsteiligen Weltwirtschaft findet. Und die Bereitschaft der Bürger, solche Alleingänge dauerhaft zu wagen, nimmt dann sogar mit steigendem Bildungsgrad zu.

April


Es sind die gesellschaftliche Morphologie und die politische Ökonomie, die bestimmen, ob ein Naturereignis zu einer Katastrophe führt oder auch nicht.


                                Nico Stehr

Quelle:
Stehr, Nico: Die Natur ist nicht schuld. Nach dem Klimagipfel ist vor dem Klimagipfel: Je mehr wir wissen, desto weniger können wir tun. WELT Online, 27.11.2000.
http://www.welt.de/print-welt/article549693/Die-Natur-ist-nicht-schuld.html

Ende 2003 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 6,5 große Teile Südkaliforniens.  Bis nach San Francisco waren die Erschütterungen zu spüren. Zahlreiche Gebäude stürzten ein, mehrere tausend Haushalte waren für einige Stunden ohne Stromversorgung. Es gab drei Tote.
Einige Tage später traf ein Beben der genau gleichen Stärke den Süden des Iran. Das Beben von Bam zerstörte fast sämtliche Gebäude, darunter auch die berühmte Zitadelle, einen Teil des Weltkulturerbes. Besonders die aus Lehmziegeln errichteten Wohnhäuser hielten dem Beben nicht stand; und weil in den unfachmännisch gebrannten Ziegeln die Luftkanäle fehlten, konnte zu den Verschütteten nicht genügend Atemluft strömen – sie erstickten. Es gab 30.000 Tote – vermutlich noch weit mehr.
Wie Menschen außergewöhnliche Naturereignisse bewältigen, hängt vor allem von ihrem Wissen und dem Kapital ab, das in ihre unmittelbare Umgebung investiert wurde. Und daher ist auch „Erdbeben-Katastrophe" ein eher soziologischer als geologischer Begriff.

März

Die menschliche Maschine soll nicht nur nicht kreischen. Sie soll vorankommen.

                   Teilhard de Chardin

Quelle:
Teilhard de Chardin, Pierre:
Briefe an Léontine Zanta. Eingeleitet von Robert Garric und Henri de Lubac.
Freiburg: Herder 1967, S. 55.


Teilhard war Evolutionsforscher und katholischer Theologe. Daher richtete sich sein Blick nicht nur in die Vergangenheit (er war an der Entdeckung des
Peking-Menschen beteiligt), sondern auch in die Zukunft: Was erwartet uns? Was dürfen wir hoffen?
Für Teilhard bildete der Homo sapiens sapiens eine neue Stufe der Evolution. Sie sei nicht mehr durch Konkurrenz und organismische Differenzierung geprägt, sondern durch die umfassende geistige Integration von Menschen ganz verschiedener Herkunft und Anschauung. Jetzt gehe es darum, für diese Integration die Grundlagen zu legen
und nicht nur darum, den Status quo zu optimieren.
Wie intensiv Teilhard auf eine Überwindung der dramatischen politischen und geistigen Spaltungen seiner Zeit hoffte, zeigt eine Begebenheit aus dem Jahre 1954: Als er erfuhr, dass amerikanische und sowjetische Wissenschaftler trotz aller politischen Gegensätze gemeinsam über die menschheitsgefährdenden Folgen eines Kernwaffenkrieges nachdenken wollten, war er wie elektrisiert und nahm das als erstes Anzeichen dafür, dass sich seine Erwartungen bestätigen würden. Was hätte er erst zur Entspannungspolitik und zum Fall des Eisernen Vorhangs gesagt?

Februar

Bildung durch Wissenschaft ist heute eine Bildung durch Wissenschaft hindurch.


                  Helmut Schelsky

Quelle:

Schelsky, Helmut: Bildung in der wissenschaftlichen Zivilisation.
In: Zilius, Wilhelm (Hrsg.): Natur und Geist. Eine Auswahl von Sendungen des Saarländischen Rundfunks.
Frankfurt am Main: Klostermann 1964, S. 107-117, hier: S. 116.


Gebildet sein in humanistischem Sinn bedeutet nicht, dass man irgendwelche temporär gültigen Ergebnisse der Wissenschaften nach›beten‹ kann. Vielmehr ist es dafür erforderlich, in zweifacher Weise an Fausts Einsicht anzuknüpfen, ›dass wir nichts wissen können‹.
Erstens geht es darum, durch eigenes Bemühen die Grenzen unseres Wissens hinauszuschieben. So wird Bildung „zu einem unendlichen, aber auch ständig produktiven Prozess" (Schelsky).
Zweitens gilt es, die gängigen Folgerungen zu überprüfen, die man aus den jeweiligen Behauptungen der Wissenschaftler ziehen zu können meint. Dieses kritische Geschäft führt nur allzu oft zu der Erkenntnis, dass die Menge der zulässigen Folgerungen viel kleiner ist als gedacht ‒ und erhofft. Das kränkt dann zwar das szientistische Selbstbewusstsein, ist aber ein wichtiger Stolperstein auf dem Wege zu einer humanen Bildung.

Und obwohl nicht jedermann den ersten Weg gehen kann,
steht der zweite Weg jedermann offen.

Januar

Wissen ist in einem weithin unbekannten Maß sozial bedingt.

                 Thomas Patrick Burke

Quelle:
Burke, Thomas Patrick:
Erste Schritte in der Religionsphilosophie.
München: Kösel 1975, S. 57.










Was ist ein Medizinmann? Antwort: Eine männliche Person, die zunächst getötet wurde, um ihre Organe durch besondere Steine ersetzen zu können, und die man dann wieder zum Leben erweckt hat. In Australien soll es Stämme geben, bei denen derartiges als „Wissen" gilt.
Für „aufgeklärte" Menschen zeigt sich an einem solchen Beispiel der grundlegende Unterschied zwischen Wissenschaft und Aberglaube. Doch dieser Unterschied ist nicht so eindeutig, wie sie meinen: Auch bestimmte wissenschaftliche Gemeinschaften lassen manches als „Wissen" gelten, das wiederum andere als „Aberglauben" ansehen – man denke nur an die anhaltenden Kontroversen über Armutsbekämpfung, Wirtschaftswachstum, Klimawandel, Ernährungsfragen oder Rüstungspolitik. Auch hier neigt man dazu, der Bezugsgruppe, dem Vorgesetzten, den Kollegen, dem Auftraggeber oder einfach der Öffentlichkeit recht zu geben: Intellektueller Konformitätsdruck ist selbst in der Wissenschaft an der Tagesordnung.
Aber gerade das lässt das genannte Grundproblem nur um so schärfer hervortreten:  Wenn unsere Auffassungen tatsächlich von den Erwartungen der Bezugsgruppe determiniert sein sollten
woran können wir dann seriöse Informationen erkennen?

 
 
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